Eine (Schul)tüte Mut bitte, aber ohne schlechtes Gewissen.

Wenn man in der Elternzeitblase vor sich hin brütet, umgeben von Windeln, Bauklötzen  und Keksspucke, geschunden von durchwachten Nächten, stillbedingtem Haarausfall und tragebedürftigen Kleinkindern, dann ist der Berufsalltag weit weg. Ab und zu blitzt etwas auf, eine Erinnerung an das Kollegium oder die Aufgaben, die man hatte, bevor die Babyzeit einen mehr oder weniger sanft ummantelte.

Meine Elternzeit ist vorbei. Ich werde in Kürze wieder arbeiten und in meinen Beruf zurückkehren. Schuld ist der schnöde Mammon. Ich bin da ganz offen, würde es uns finanziell besser gehen, gäbe es das doppelte Elterngeld für Mehrlingseltern noch, dann würde ich zuhause bleiben, bis meine Zwillinge ihren Kindergartenplatz antreten. Das ist in unserem Fall nächstes Jahr (wenn alles gut geht).

Nun kann man mich als nicht emanzipiert betiteln, als Hausfrauchen, Klette und Glucke. Sei es drum. Es ist mir gelinde gesagt egal, was andere denken. Ich stehe dazu, dass mein Gefühl meine Kinder zuhause selber zu betreuen, bis ich sie in den Kindergarten meines Vertrauens gebe, ein besseres wäre.

Dabei liebe ich meinen Beruf. Wenn mich Menschen fragen, ob ich etwas anderes machen wollen würde, antworte ich vollkommen ernsthaft: „Nein, niemals!“. Bevor ich Kinder bekam, habe ich sehr viel und ausgesprochen gerne gearbeitet. Und natürlich gab es Tage (und nicht zu wenige!) an denen ich sehnsüchtig meinem Mann hinterher schaute, weil er zur Arbeit fuhr, weil er dort mit Erwachsenen Sätze wechseln konnte, mal tatsächlich sowas wie eine Pause hatte, im Auto nicht Bibi Blocksberg hören musste, einen Input hatte der nicht aus Zählreimen und Stapeltürmchen besteht, sein Pausenbrot mit niemandem teilen musste und … eine Aufgabe außerhalb des Vaterseins erfüllte.

Meine Freundinnen sagen, dass es mir gut tun wird. Und ich glaube das auch. Zum einen, weil ich es glauben will und auch muss, denn sonst legt sich das schlechte Gewissen auf meine Schultern, wie eine Schultasche die mir eigentlich zu groß ist und ich sehe mich wie ein Idötzchen, unter der Last des kreischbunten Scout-Tonisters wankend. Der Unterschied zu mir und dem Erstklässler ist bloß, dass mir der Stolz fehlt, noch.

Und neben dem schlechten Gewissen ist da die Angst. Kann ich das eigentlich noch? Bin ich durch die Schwangerschaften und jahrelangen Stillzeiten nicht mittlerweile völlig verblödet und unfähig geworden? Und ich heul doch so schnell, seit ich Mama bin. Da lachen in meinem Beruf ja die Hühner. Wenn ich mitbekomme, dass da so ein kleiner Struppi in der fünften Klasse sein Pausenbrot vergessen hat oder den Weg vom Klassenzimmer zum Klo nicht mehr findet und ich in verzweifelte Kinderaugen schaue, da ist es vorbei mit der Contenance, Nichts mehr mit cooler Workingmum.

Ich habe Sorge, dass meine Arbeit weniger wert ist, als die anderer, als die meines Mannes, der Vollzeit arbeitet. Was wird sein, wenn eines der Kinder oder im schlimmsten Falle alle krank sind ( und hey, treue LeserInnen wissen, wir sind im holymoly ersten Kindergartenjahr) ? Ist es dann selbstverständlich, dass ich zuhause bleibe, denn „ich mache ja nur die paar Stunden?“ Nicht das mein Mann das sagen würde, aber haben wir das vielleicht sogar gesellschaftlich impliziert? Ich weiß es nicht.

Dabei hab ich ja Glück. Ich kann in meinem Beruf zurückkehren und mache im Wesentlichen das, was ich früher gemacht habe. Ich habe so viele tolle, gestandene Frauen in meinem Umfeld, die entweder nicht zurückkehren können oder Aufgaben bekommen, die schlichtweg lachhaft sind. Die ihre Kinder in eine bis dahin unbekannte Betreuungssituation geben, weil sie froh sein können, irgendeinen Platz zu bekommen oder eine Tagesmutter zu finden, die noch Kapazitäten hat. Obwohl die innere Stimme sagt, dass die Chemie nicht stimmt oder sie kein Sicherheitsgefühl haben. Ich habe ein privates Netzwerk, das meine Stunden auffängt. Aber das Gefühl der Abhängigkeit, gepaart mit einem schlechten Gewissen, das macht mir zu schaffen. Weil ich noch lernen muss, andere Menschen zu fragen, wenn ich es alleine nicht schaffe. Weil ich erst verinnerlichen muss, dass es „ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen“.

Ich verurteile keine Mutter, die sich bewusst und begeistert dafür entscheidet, schnell wieder arbeiten zu gehen. Ich verurteile keine Mutter, die sich dafür entscheidet, gar nicht mehr arbeiten zu gehen. Ich glaube, eine gute Mutter ist diejenige, die zufrieden mit sich ist. Ob das mit oder ohne Job, mit Krippe, Tagesmutter, Kindergarten oder Nanny ist, vollkommen egal. Ich verurteile eine Familienpolitik, die Müttern und Vätern nicht die Möglichkeit gibt, sich frei zu entscheiden.Weil es weitreichende Folgen hat für unsere Gesellschaft und unsere Familien.

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In zwei Tagen stehe ich nach Jahren wieder vor einer Klasse. Ich werde funktionieren müssen, trotz durchwachter Nächte, mit weniger Haaren weil ich drei Kinder gestillt habe, mit stärkeren Schultern weil ich drei Kinder getragen habe. Ich werde manches nicht mehr so gut können wie früher, weniger flexibel sein, manchmal sehr müde, traurig und überfordert. Ich werde die Mütter und Väter meiner SchülerInnen mit anderen Augen sehen, Denn ich spiele jetzt für das gleiche Team. Manchmal findet sich Keksspucke auf meiner Jacke. Dann hoffe ich, dass die Schüler, meine Schulleitung und meine Kollegen nachsichtig sind. Aber dafür hab ich immer Feuchttücher dabei, kann mit ziemlicher Genauigkeit eine fieberhafte Temperatur durch Befühlen von Stirn und Händen voraussagen und hab bestimmt auch ein paar Brezeln dabei. Nur für den Fall, dass ein Fünftklässler sein Brot vergessen hat. Oder der Weg zum Klo mal was länger dauert.

 

Herzlichst

Pluripara

 

 

 

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