Mein treuer Freund, das hier geht an dich…

…das mit uns geht jetzt schon lange, sehr lange. So richtig weiß ich eigentlich gar nicht mehr, wann es genau angefangen hat. Ich glaube, das war als ich so ca. 13 Jahre alt war. Da haben wir zaghaft Bekanntschaft miteinander gemacht. Wir haben uns immer mal wieder gesehen, meistens vor dem Spiegel. Dann warst du öfter da, im Klassenzimmer, in der Umkleidekabine, später warst du ein fester Teil von mir und ich kann behaupten, dass ich mit dir eine meiner längsten Beziehungen geführt habe.

Klar, da gab es Phasen, in denen wir nicht so innig waren. Als mein erster Freund mich endlich beachtete oder nach dem hart erkämpften Abitur. Regelrecht Funkstille hatten wir nach einer sehr intensiven Phase nach dem Staatsexamen. Aber ich konnte mich immer auf dich verlassen. So richtig aus war es nie. Plötzlich, manchmal sogar aus dem Nichts und ohne konkreten Anlass, warst du wieder da, ganz zuverlässig und in der dir eigenen Art und Weise zudringlich.

Unsere Hochphase hatten wir dann als ich jahrelang nicht schwanger wurde. Da hast du mich manchmal gar nicht mehr aus dem Bett rausgelassen. Manchmal waren deine Freunde dabei. Selbstzweifel, Scham und Depression. In deren Gegenwart hast du dich besonders wohl gefühlt, obwohl ich immer kleiner wurde neben dir.

Aber es liegt nicht an dir. Du warst wirklich gut. Es liegt an mir. Ich bin müde. Müde von unserer anstrengenden, erdrückenden Beziehung. Man konnte meinen, es lief wie von selbst. Aber ich tat einiges für den Erhalt der Beziehung. Jedes Mal wenn ich die Blicke suchte anderer Menschen. Oder wenn ich mich mit anderen verglich, denen die schlanker, schöner, erfolgreicher, vermögender, beliebter waren.

Als ich Instagram entdeckte, hast du dich regelrecht gesuhlt. All diese perfekten Mütter, white interior, aufgeräumt, healthy und clean.

20171004_211808

Dein Lieblingskleid

Trotzdem wurde es unbeständiger zwischen uns. Ich fing an, mich aufzulehnen, als ich meine Kinder bekam. Ich weigerte mich, dass du dich zum Thema Kaiserschnitt äußerst. Ich trennte mich von Menschen, in deren Gegenwart du immer zugegen warst und vermied Situationen, die es dir leicht machten mich wieder zu umklammern. Ich schmiss die Bücher in die Ecke, die du mir empfohlen hattest und sortierte die Kleidung aus, die du besonders gern an mir sahst.

Das gefiel dir natürlich nicht, aber du warst geduldig und hast darauf gehofft, dass der Alltag mit drei kleinen Kindern in deine Karten spielen würde. Wirklich clever.

Ich möchte dir sagen, dass ich nicht mehr mag.

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass ich dich nie mehr wiedersehe.

Aber ab jetzt ist die Badezimmertür zu, wenn ich mich vor dem Spiegel betrachte, diesen Bauch, der innerhalb von zwei Jahren drei Kinder hat wachsen lassen und nun auf seine eigene Art und Weise schön ist. Du wirst ihn nicht mehr sehen. Auch verbitte ich mir deinen schiefen Blick auf meine Falten, meine Haare, meine Knie, meine Narben und meine kleine Brust, die diese drei Kinder ernährt hat über viele Monate.

Du bleibst draußen, wenn ich meine Kinder mal anschnauze, keinen Bock habe zum 80. Male das gleiche Buch vorzulesen und es Pommes gibt statt Dinkelpuffer, weil ich mit den Nerven durch bin. Ich möchte dich zu keinem Zeitpunkt auf der Arbeit sehen, wenn ich demnächst mit einer geringen Stundenzahl arbeite. Du kommst auch nicht mehr mit, wenn ich abends mal ausgehe und ein Glas Wein trinke, während der Papa auf das fiebernde Kind aufpasst.

Sei versichert, dass ich wachsam bin. Ich habe lange gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Du brauchst auch niemanden zu schicken, als Bote oder Vorwand. Doch doch, du weißt schon…diese Lähmung oder die anhaltende Traurigkeit. Ich verbiete dir den Umgang mit meinen Kindern und ich will unter keinen Umständen, dass sie mich mit dir sehen. Ich weiß, dass du meinem Mann nicht magst und meinen jetzigen Freundeskreis nicht erträgst, weil sie dich wegreden und weglieben.

Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Denn sonst wäre ich heute nicht an diesem Punkt. Aber nun lass es gut sein.

Ich möchte mich endlich lieben, so wie ich bin, als Freundin, Ehefrau und vor allem als Mutter. Ohne dich. Machs gut, Minderwertigkeitskomplex.

 

Deine Pluripara

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s