Tschö Mama, ich schmeiß dich jetzt raus! – oder auch: Wie ich eingewöhnt wurde

Es ist August und wir schreiben das Jahr 2017. Mein Erstgeborener ist seit kurzem drei Jahre alt und quasselt mir seit etwa vier Monaten täglich ein Schnitzelchen ans Ohr, dass er bald ein Kindergartenkind sein wird. So ein richtig echtes. Dann freut er sich und ich freue mich mit ihm und alles ist rosa und glitzert.

Es ist August, genau genommen ist es der Elfte und es ist 07:00 Uhr. Das Goldkind und ich frühstücken mehr schlecht als recht, weil wir ein bisschen aufgeregt sind und mir wohl ein wenig klarer ist als ihm, dass heute ein neuer Abschnitt beginnt. Drei Jahre Elternzeit liegen hinter mir. Ab heute sind wir für lange Zeit mit Institutionen verwoben, an Schließzeiten und Ferien gebunden, wir werden Elternabende und eine Menge Virusinfektionen durchstehen, einen Haufen verlorene Schuhe, Mützen und Handschuhe verzeichnen und das Kind wird einen Teil seines Alltages ohne mich verbringen. Ich schiele das Kind verstohlen von der Seite an und trinke hastig meinen kalten Orangensaft. Wie wird das wohl? Habe ich mein Bestes gegeben, um das Kind auf diesen Abschnitt vorzubereiten? Wird er Freunde finden? Wird er sich lösen können? Wird er glücklich mit dieser, mit unserer, Entscheidung sein?

Es ist 07:30 Uhr und wir sitzen auf kleinen knarzenden Holzstühlen. Ich filze eine Maus und freue mich, weil ich immer Filzen lernen wollte und die Erzieherin mich lobt. Das Goldkind spielt versunken mit einem Holzkran. Es ist schön dort, heimelig, warm, freundlich. Ich bekomme einen Kaffee und fühle mich pudelwohl. Ich denke über Umschulung nach. Das Kind ist glücklich und strahlt. Nach zwei Stunden schlendern wir beseelt nach Hause. Voll entspannt, so ne Eingewöhnung.

In den nächsten Tagen bleiben wir immer zwei Stunden, nur dass ich zwischenzeitlich mit Ankündigung den Raum mit mulmigem Gefühl verlasse, immer nur kurz. Das Kind spielt weiter und ist augenscheinlich guter Dinge.

Es ist August, genau genommen der Fünfzehnte. Ich begleite das Goldkind in den Schlaf. Und da sagt er das Undenkbare:

„Wann geh ich wieder in den Kindergarten?“

„Morgen, mein Schatz“

„Ich will aber nicht.“

(Nur zu, lassen Sie bezüglich meines Gesichtsausdruckes Ihrer Fantasie freien Lauf)

„Aber warum denn nicht?

„Find das blööd.“

Ich verstumme und transpiriere spontan ein wenig. Das hat gesessen. Unter nervösem Lidzucken sagte ich betont fröhlich: „Wir gehen hin und schauen es uns weiter an, mach dir keine Sorgen“ Das Kind nickt und ich schlucke unüberhörbar. Im Dimmerlicht beobachte ich, wie ihm die Lider schwer werden und parallel dazu meine Gedanken. War das jetzt eine pädagogisch wertvolle Antwort? Habe ich das Kind überfordert mit meinen Toilettengängen? Dränge ich ihm gar etwas auf? Ich greife zum Handy und schreibe der Erzieherin eine Nachricht. Sie beruhigt mich. Erstmal kommen und schauen, alles gut.

Ab dem sechzehnten August nimmt das Drama seinen Lauf. Das Kind klebt an mir. Es klammert sich an alle meine verfügbaren Gliedmaßen, erlaubt mir nicht mehr auf die Toilette zu gehen. Er löst sich kaum. Wenn er zwei Schritte Richtung Spielzeug geht, dreht er sich um und weist mich darauf hin, dass ich dort sitzen bleiben muss. Ich bleibe sitzen. Mit übervoller Blase wanke ich mit Kind an der Hand heim. Auch dort kontrolliert er mich geradezu auf Schritt und Tritt.

Drei Tage später ist keine Verbesserung in Sicht. Im Kindergarten und Zuhause habe ich einen Schatten. Bloß, dass der Schatten mich zusätzlich kommandiert, was ich tun und lassen soll. Ich bin ratlos und genervt und würde zunehmend gerne wieder selbst entscheiden, was ansteht. Als ich mich am nächsten Tag gegen seinen Willen im Kindergarten auf die Toilette begebe, hinterlasse ich ein brüllendes Kind.

Im Raum nebenan kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Scheiß Eingewöhnung. Ich will das so nicht. Ich treffe meine Freundin, die ebenfalls ihre Tochter in einer anderen Gruppe eingewöhnt, die Leiterin kommt, eine der Erzieherinnen erscheint. Wir stehen im Kreis und drücken uns. Wir sprechen von den Gefühlen, die aufkommen. Ich erfahre, dass mein Kind sich bereits wieder beruhigt hat und mit der Bezugserzieherin am Spinnrad sitzt. Ich schnäuze in mein Taschentuch und freue mich und in mir ist trotzdem alles voller Schmerz.

Das Goldkind und ich. Unsere Verbindung. Er ist mein erstgeborenes Kind. Ich habe ihn mir jahrelang gewünscht. Das erste Babyjahr ist einen eigenen Artikel wert. Er war ein forderndes Baby, ich konnte ihn nie ablegen, er wollte rund um die Uhr bei mir und an mir sein. Ich habe dieses Kind geschuckelt, getragen, gestillt, gestreichelt und ihm gut zugeredet nach allen Kräften. Er war weit über ein Jahr, bis er sich traute, in der Spielgruppe von meinem Schoß zu klettern und sich eine Rassel zu holen. Diese vollkommene Abhängigkeit traf mich unerwartet und erfüllte und frustrierte mich gleichermaßen. Mein völlig selbstbestimmtes Leben war mit einem Male futsch. Es gab viele Tage, an denen ich nicht einmal duschte, weil er so brüllte, wenn ich ihn auf eine Kuscheldecke legen wollte und ich das nicht ertrug. Und nun Kindergarten, der große Umbruch. Ich hatte unterschätzt, was das mit uns, mit mir machen würde. Denn so einnehmend mein Kind auch war, ich tat es ihm gleich und liebte unsere Symbiose auch.

Da war es wieder, mein zentrales Thema: Loslassen!!! Hatte ich mich doch gerade erst im Zuge des Abstillens der Zwillinge damit befasst. Aber das muss man mir auch erstmal nachmachen, Abstillen und Eingewöhnung zeitgleich. Das ist gefühlt wie Augentropfen und Nasenspray zusammen. Von jemand anderem verabreicht. Einem mit 2,4 Promille. Während man mit 180 auf der Autobahn fährt.

Ich heule also die Schultern dieser drei wunderbaren Frauen nass, die mich verstehen, mich wiegen und drücken und mir von ihren eigenen Erfahrungen ganz ungeschönt und ehrlich erzählen. Ich schäme mich nicht mehr. Ich habe alles gegeben, um dieses Kind mit Vertrauen zu füllen. Jetzt muss ich ihm die Chance geben, seinen Radius zu erweitern. Ich muss und möchte auch den Erzieherinnen (die er übrigens schon vor der Eingewöhnung kannte, ebenso zwei andere Kinder) die Möglichkeit geben, eine Beziehung zu meinem Kind aufzubauen. Auch wenn er den halben Tag nicht mehr mit mir verbringen würde, er würde sich nicht von mir entfernen.

Als wir abends im Bett liegen, streichelt das Goldkind meinen Kopf und sagt: „Meine kleine Mamimausi. Mussu nich traurig sein. Habich nur kurz weint.“ Und da ist sie wieder, unsere Symbiose. Ich weiß in diesem Moment glasklar, dass er sich ähnlich verantwortlich für mich fühlt wie ich mich für ihn. Dass er mein Vertrauen braucht und dass er im Gegenzug darauf vertrauen kann, dass ich mit diesem Weg gut zurecht komme.

Am folgenden Wochenende sortiere ich mich. Ich weine noch öfter, spüre aber auch wie der Druck aus mir weicht. Meine positive Grundeinstellung verfestigt sich wieder.

20170830_202001

Es ist August, genau genommen der Dreißigste.

Mich schmeißt das Goldkind immer öfter lachend raus, wenn ich ihn bringe: „Tschö Mama, du musst jetzt gehen.“

Nach Gesprächen mit den Erzieherinnen haben wir uns entschlossen, dem Goldkind die Möglichkeit zu geben, sich zu lösen. Indem ich nicht die ganze Zeit dabei bin. Ich bereite das Goldkind im Gespräch zuhause darauf vor und erkläre, dass ich viel zu tun habe und der Papa arbeiten muss, er in den Kindergarten geht und ich ihn mittags wieder abhole. Er nickt verständig.

Beim Abschied gibt es manchmal Tränen. Das ist ok und ich weiß, dass seine Lieblingserzieherin ihn in zwei Minuten wunderbar tröstet. Ich weiß, dass er ausgelassen spielt und klettert und beim Essen nach einer zweiten Portion verlangt. Dass er verschwitzt ist vom Spielen, wenn ich ihn abhole und nicht gehen will. Ich habe Vertrauen in mein Kind, dass er diesen Weg ohne mich prima gehen wird. Ich habe Vertrauen in die weltbesten Erzieherinnen, die mir täglich sagen, wie es gelaufen ist, mir Fotos schicken, mein Kind behüten und begleiten und ihm Neues von der Welt zeigen. Die mich jederzeit anrufen würden, wenn etwas wäre.

Die auch mich eingewöhnt haben.

 

Herzlichst

Pluripara

 

 

6 Gedanken zu “Tschö Mama, ich schmeiß dich jetzt raus! – oder auch: Wie ich eingewöhnt wurde

  1. Mi schreibt:

    Oh ja, sein Kind von Menschen außerhalb der Familie betreuen zu lassen ist ein großer Schritt.
    Meine Tochter war knapp 1,5 Jahre alt, als unsere Eingewöhnung bei der Tagesmutter begann und es hat mir teilweise fast das Herz gebrochen, vor allem natürlich, wenn sie geweint hat, weil ich wegging. Etwas getröstet hat mich, dass es (wie ein Psychologe mir erklärte) aus psychologischer Sicht eigentlich ein gutes Zeichen ist, da es zeigt, dass das Kind emotional mit der Mutter sicher verbunden ist . Es seien eher die Kinder, die keine Reaktion auf die Trennung von der Mutter zeigten, um die man sich sorgen müsse (also hast du ganz offensichtlich alles richtig gemacht 😊).
    In den ersten Wochen wurde das Weinen meiner Tochter zum Ritual, es musste jeden Morgen beim Abschied so sein, hörte aber auch sehr schnell wieder auf (wie ich feststellen konnte, als die Tagesmutter mir riet einfach einmal 2 Minuten vor der Haustür stehen zu bleiben und zu warten- es dauerte keine Minute, bis sie aufhörte). Ich habe vermutlich länger und mehr geweint als sie. 😆
    Wie toll, dass du im Kindergarten auf so viel Verständnis gestoßen bist. Und dass dein Großer dich jetzt schon manchmal rausschmeißt ist ja echt toll! Ich wünsche dir, dass es jetzt immer leichter für dich wird mit dem Loslassen. Alles Liebe!

    Gefällt 1 Person

  2. Ella schreibt:

    Es ist wunderbar, dass Ihr eine solch tolle Einrichtung gefunden habt. In der Ihr Beide Zeit bekommen habt, um anzukommen und los zu lassen. Bei uns war dies leider nicht der Fall. Wir betreuen unsere Tochter nun noch weiter Zuhause und probieren es mit 4 noch einmal. Soziale Kontakte hat sie und hoffentlich finden wir eine gute Einrichtung. Alles Gute für Euch, Ella

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s