„Für euch nur noch Wasser“ – oder auch: Vom Abschied einer Stillbeziehung (zu zwei Kindern)

Kürzlich hat der Strahlemann seine ersten Schritte gewagt. Und für mich war in diesem Moment etwas im Umbruch. Das Kind lachte sich kaputt und feierte sich auf seine Kühnheit, ich gluckste vergnügt mit und mein Herz und mein Magen glucksten ebenso, aber eher ein bisschen wehmütig. Das „jüngste“ Kind geht seine Wege. Er steht jetzt auf eigenen Beinen. „Lass los, Mama, lass los“, sprachs in mir.

Ich bin 35 Jahre alt. In diesen 35 Jahren habe ich 3 Kinder insgesamt 29 Monate gestillt, 2 von den 3 Kindern parallel, wie das eben so ist mit Zwillingen. 17 Monate gehen auf das Konto der beiden. Geplant war so ungefähr ein Jahr, aber dann hat es sich in die Länge gezogen und es war nie der richtige Zeitpunkt und überhaupt.

Im März hatte ich  schon einmal einen Punkt, an dem ich abstillen wollte, aber ich kriegte nicht so recht die Kurve. Zu groß war der Unmut, der mir entgegen schlug und zu wackelig mein Entschluß. Also weiterstillen.

Wir hatten uns auch richtig gut eingespielt. Ich stillte mittlerweile meine Zwillinge fast immer gleichzeitig in allen möglichen und unmöglichen Positionen, zu allen Zeiten und an jedwedem Ort. Wir stillten im Stehen, auf den Knien, im Liegen, nachts, morgens, nach Bedarf, nie nach Uhrzeit. Wir stillten aufgrund von Durst, zum Beruhigen, zum Einschlafen, zum Wachwerden. Wir stillten im Garten, auf dem Spielplatz, im Drogeriemarkt oder im Ohrensessel. Ich war da mittlerweile echt schmerzfrei. Blöde Reaktionen gab es nie.

Mehr und mehr merkte ich aber, wie mir das Stillen der beiden die Kraft raubte. Ich verlor Gewicht, schneller als ich gucken konnte und aß gleichzeitig wie ein Scheunendrescher. Ich wurde infektanfällig und nahm zusätzlich Vitamine ein. Morgens taten mir die Glieder weh (Stillgelenkschmerzen, aua), mein Haarausfall wurde nach der Geburt nicht weniger (ja, das stört mich, ich bin ein durchaus eitles Viech) und manchmal machte es mich wütend. Denn ich konnte kaum den Raum betreten, ohne dass die beiden auf mich zuwetzten und so lange jankelten, bis ich die Bluse aufknöpfte. Das konnte wirklich nervig sein.

„Na und davon sollen die satt werden?“

Aber in mir arbeitete es. Ich hatte um diese Stillbeziehung gekämpft. Meine Zwillinge wurden bei 36+4 geboren. Das „stillfreundliche“ Krankenhauspersonal (Bitte jetzt lachen. Ok, reicht) traute mir das alleinige Stillen meiner Kinder nicht zu und riet mir gleich zu Beginn zum Zufüttern. Ich wollte das absolut nicht. Entschlossen schob ich die Aptamil zur Seite und mit Hilfe meiner unfassbar guten und starken Stillberaterin, die mich jeden Tag im Krankenhaus unterstützte, legte ich an und an und an.

Durch die täglichen Diskussionen mit den Schwestern geriet ich unter Druck. Mein Sohn gedeihte gut, meine Tochter (mit einem stattlichen Anfangsgewicht von 3580 g, jaaa –  so hab ich auch geguckt) fiel jedoch unter die 10% Gewichtsabnahme, ganz knapp, aber so schnell wie wir uns auf der Frühchenstation wiederfanden, konnte ich nicht mal „Premilch“ sagen. Das Kind war im Übrigen quitschfidel und trank gut an der Brust, nur am Rande. Leider gibt es aber dennoch Ärzte, die sich dann lieber an ihre Listen klammern, weil sie unter Druck von wemauchimmer stehen, anstatt den Menschen zu betrachten. Man riet uns, das Kind durchzuchecken. Wir willigten nur deshalb ein, um uns nicht vorzuwerfen, nichts unternommen zu haben, falls der Hummel etwas fehlen sollte. Die Untersuchungen ergaben: Nichts. Erst da brachte ich den Mut auf, uns selbst zu entlassen. Wir waren wie Gefangene in dieser Maschinerie. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so bevormundet und gedemütigt gefühlt.

Unvergessen, wie die Nachtschwester mit skeptischem Blick auf meine Brust meinte: „Na, und davon sollen die satt werden?“ Bam. Aptamil auf den Tisch.

Unvergessen, wie ich nach einem Gang auf die Toilette zurückkam, im Bett meiner Tochter einen Schnuller vorfand und durch die Zimmernachbarin erfuhr, dass sie gerade eine Flasche Premilch bekommen hatte. Ohne meine Zustimmung und ohne Abstimmung mit mir. Die Kleine habe eben kurz geweint, sagte man mir daraufhin.

Ich gebe zu, ich machte körperlich und mental sicher nicht den Eindruck der Superwoman zu diesem Zeitpunkt (Geburtsverlauf und Komplikationen wären einen eigenen Artikel wert), aber ich war entschlossen und sicherlich nicht aus Prinzip die „Querulantin“, wie mir der Oberarzt bei der Visite mitteilte.

Oh und bevor das hier jemand falsch versteht: Das ist kein versteckter Rant gegen Pflegekräfte oder Ärzte. Nichts liegt mir ferner. Ich habe den allergrößten Respekt vor euch, Leute, was ihr täglich leistet, ist der Wahnsinn. Ich könnte das nie und ziehe den Hut. Bloß hatten wir auf dieser Station leider die Woche der abgestumpften, mies gelaunten und bisweilen unfähigen Kräfte erwischt. Die Sorte, die zum Desinfizieren ins Zimmer kommt und danach auf die Wickelablage niest (ohne nachzuwischen).

Aber lassen wir das. Kaum waren wir zuhause, nahm meine Tochter übrigens innerhalb von 2 Tagen 170 g zu. Ich räumte die Waage weg, warf die Stillprobenprotokolle in die Ecke und stillte, wie es unser Herz begehrte. Sie ist bis heute ein kräftiges und stabiles, kleines Mädchen.

Hier steh ich nun…

Jetzt sind aus den beiden zarten, kleinen Wesen zwei Kleinkinder geworden. Solche, die den ganzen Tag durch die Gegend flitzen, sich kitzeln, beißen und „Papa“, „Mama“ und „Titti“ rufen (Von uns haben sie das nicht!!). Sie haben die Bauchwehphase überstanden, zwischen 7 und 12 Zähne, tragen seit kurzem Schuhe wenn es rausgeht und üben, aus dem Becher zu trinken. Sie lieben Nudeln, Heidelbeeren und erstmal generell alles, was ich mir in den Mund stecke. Sie haben St. Martin, Weihnachten, Karneval und die ersten Poolsessions im Garten erlebt. Sie haben von ihrem großen Bruder viel zu früh das erste Vanilleeis in den Mund geschoben bekommen und für ihren Geschmack sicher viel zu spät das erste Stückchen Schokolade probiert.

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..und lass ein bisschen los

Meine lieben beiden Zwillingskinder,

ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich doppeltes Glück empfange. Ich habe euch aus Überzeugung und mit Liebe gestillt, wann immer ihr es wolltet. Es waren für mich Momente voller Innigkeit und so ein Wunder, wenn ich euch dabei anschaute. Ihr saht abwechselnd mich und euch mit großen Kulleraugen an, meist hieltet ihr euch an den Händen oder streicheltet eure Arme. Manchmal habt ihr euch gezwickt und an den Haaren gerupft, manchmal geschimpft und manchmal vor Verzückung gelacht. Ich möchte keinen Tag unserer Stillbeziehung missen. Es war für mich eine tiefgehende und ergreifende Erfahrung als Frau und Mutter und ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Aber nun lass ich euch los. Nur ein bisschen, gerade so, dass ihr meiner Nähe gewiss seid. Ich bin immernoch da und werde es immer sein, auch wenn es euch schon längst peinlich sein wird. Und nach und nach lass ich immer mal ein bisschen mehr los, gerade so wie es passt und angemessen ist. Wenn es zuviel ist, steh ich da, mit ausgebreiteten Armen, bereit euch aufzufangen. Wenn es zuwenig ist, steh ich da und werde lernen, mich zurückzunehmen. Irgendwann, nur einen Wimpernschlag entfernt, seid ihr erwachsen. Vielleicht sitzen wir an irgendeinem Abend zusammen am Tisch, mit eurem Vater und eurem Bruder. Wir albern herum und vielleicht sagt jemand von euch beiden scherzhaft zu uns: „Für euch nur noch Wasser“ und ich werden Tränen in den Augen haben und an diese Zeit denken und wahnsinnig stolz sein. So wie in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe.

Für euch nur noch Wasser. Ihr könnt ja auch morgen mal Hafermilch probieren.

In Liebe

Eure Mama

 

 

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Die Resonanz auf diesen, für mich bisher persönlichsten Artikel hat mich umgehauen. Danke!

Daher trau ich mich und bewerbe mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017: https://www-de.scoyo.com/eltern/scoyo-lieblinge/eltern-blogs/ELTERN-Blog-Award-2017.

Über gedrückte Daumen freue ich mich!

 

 

 

 

 

 

12 Gedanken zu “„Für euch nur noch Wasser“ – oder auch: Vom Abschied einer Stillbeziehung (zu zwei Kindern)

    • Jenny schreibt:

      Oh man, danke danke danke für deinen ehrlichen, berührenden Text. Vor allem der Teil über das stillfreundliche Klinikpersonal hat mich gerade zu Tränen gerührt. In der Kinderklinik mit dem Zweiten und nach Kaiserschnitt mit der Dritten hab ich sehr ähnliches erlebt und jede Flasche und jedes Vor-und-Nachher-Wiegen beweint. Es tut so gut, übers Stillen und den Kampf, den es manchmal bedeutet so wertschätzend zu lesen. Ihr geht einen bestimmt steinigen aber wunderbaren Weg, auch jetzt, wo das Stillen dem Ende zugeht. Alles Gute dafür!

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  1. Mama Maus schreibt:

    Liebe Pluripara,

    Ein wahnsinnig berührender Text.
    Toll, wie du dich durchgesetzt, deinem Körper vertraut und gestillt hast und genauso schön, dass du jetzt einen Abschluss finden konntest.

    Stillen ist wahnsinnig emotional und die Erinnerung daran wird auch bei mir, die aktuell noch ein ganz klein wenig stillt, immer positive Gefühle wecken.

    Und jetzt genieße die neu gewonnene Freiheit.

    Viele Grüße
    Mama Maus

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  2. Misle schreibt:

    Hach, so schön geschrieben. Ich muss ein paar Tränchen verdrücken ❤
    Kannst du mehr zu diesen Stillgelenkschmerzen schreiben? Oder weißt du wo ich mehr darüber lesen kann? Ich glaube, das hab ich auch und es macht mich teilweise wahnsinnig.
    Alles Gute Euch!

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  3. Mi schreibt:

    Es ist der WahnsInn, was du (und dein Körper) geschafft hast. Zwei Babys gleichzeitig voll zu stillen ist eine großartige Leistung und ich habe großen Respekt davor.
    Toll finde ich auch, dass du dich nicht hast beirren lassen und das Stillen trotz des Gegenwindes im Krankenhaus, der Komplikationen und noch einem zu versorgenden Geschwisterkind(!) so lange durchgezogen hast. Ich bewundere dich sehr dafür!
    Und jetzt wird es bestimmt auch schön sein, dass dein Körper wieder ganz dir gehört. 🙂

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  4. Monika schreibt:

    Auch von mir den größten Respekt. Ich hatte ein wirklich stillfreundliches Krankenhaus, aber zuhause habe ich mich alleine mit den Zwergen an meiner Brust einfach hilflos und überfordert gefühlt. Du hast echt unfassbares geleistet.
    Monika – eine Zwillingsmama

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