Für mehr Feingefühl! Heute: die Mehrlingseltern

Ich hätte es ja nie für möglich gehalten. Aber wenn du für das Team Eltern spielst, lernst du deine Mitmenschen von einer ganz neuen Seite kennen. Wenn du noch ein Schippchen drauflegst und Zwillinge oder sogar Drillinge (u.s.w.!) bekommst, dann darfst du täglich live dabei sein, wie wildfremde Menschen deinen Nachwuchs bestaunen und im schlimmsten Falle kommentieren…

„Sind das Zwillinge?“

Wer sagt es? Alle Bevölkerungsschichten

Tonfall: staunend bis ungläubig

Botschaft: kommt auf den Tonfall an. Bei Kindern sind sämtliche Kommentare ja immer milde zu werten, viele haben bis dato wirklich noch nie zwei Babys auf einmal gesehen. Die lässt man mit offenem Mund gewähren und zieht von dannen. Manche möchten damit einen Gesprächsanlass schaffen oder gehören schlichtweg zur Sorte Mensch, die einfach immer kommentieren müssen. Sei es drum.

Hinterlässt folgendes Gefühl: Genervt sein. Weil man diesen Spruch einfach ständig hört. Ich zähle mich ja grundsätzlich zu den freundlichen Menschen. Wenn du aber nach einer miesen Nacht nur mal schnell zum Markt willst und auf einem Kilometer sechs mal gefragt wirst, dann ist es auch bei mir mal vorbei mit der Freundlichkeit.

Merke: Ein schmallippiges „Ja“ oder „Nein“ oder an stark befahrenen Straßen gekonnt überhören, zahlt sich manches Mal aus. Vermeiden lässt sich permanentes Anquatschen manchmal, in dem man konsequent ignoriert. Häufig nehmen die „Sind das Zwillinge“Frager schon vorher Blickkontakt auf und werden entmutigt, wenn du dich wegdrehst.

„Das ist aber anstrengend!“

Wer sagt es? Überwiegend Rentnerinnen, Frauen mit etwas größeren Kindern

Tonfall: mitleidig, bedauernd, bescheidwissend

Botschaft: kann durchaus nett gemeint sein im Sinne von „Ich weiß, was du durchmachst“. Häufig entsteht jedoch daraus ein Gespräch über die Belastungen, als die Kinder noch klein waren und was man alles alleine schaffen musste. Achtung Falle! Schnell merkst du, dass es nicht um dich geht oder um deine Kinder. Hier will jemand was kompensieren. Es ist mir eigentlich nach diesem „Icebreaker“ noch nie passiert, dass sich jemand ernsthaft für meinen Zwillingsalltag interessiert hat.

Hinterlässt folgendes Gefühl: Äh, was wollte ich nochmal einkaufen?

Merke: Ich bin große Verfechterin davon, diese Frage niemals zu bejahen. Ich kann noch so fertig, müde, ausgelaugt und übellaunig sein, über meine Kinder wird sich nicht in negativer Weise geäußert. Denn: Was für ein Gefühl mag es sein, wenn die eigene Mutter mit dahergelaufenen Passanten darüber stets jammert, wie anstrengend und schlimm doch alles ist? Was bedeutet das für ein Kind und seine Entwicklung? Jammern kann ich bei lieben Freunden oder meinem Mann, wenn der Tag hart war und alle im Bett sind. Daher lautet meine Standardantwort: „Nein, es ist ein großes Geschenk!“ Wenn du das Gefühl hast, dein Gesprächspartner braucht durch das eigene Jammern Anerkennung, für das, was er/sie leistet, dann lächele verständnisvoll und sage: „Ich bin mir sicher, dass Sie ihr Allerbestes geben, ich muss nun weiter, alles Gute.“ Und dann geh. Schnell.

„Kommt das in der Familie vor?“

Wer sagt es? Überwiegend Frauen. Männer zwischen 20 und 50 zu geringen Anteilen.

Tonfall: neugierig, besorgt

Botschaft: Hier soll man meist die Funktion des Beruhigens übernehmen. Bejahst du diese Frage, denkt der Mitmensch angestrengt darüber nach, ob in seinem Familienstammbaum vielleicht auch mal Zwillinge vorkamen und ob er sich daher im Rahmen der Möglichkeit bewegt, selbst von diesem Schicksal ereilt zu werden. Achtung, es gibt eine fiese Untergruppe, die das Gespräch darauf lenken möchte, ob deine Mehrlinge per künstlicher Befruchtung entstanden sind. Das sind die Schmerzfreien, die gerne Grenzen überschreiten, ohne es zu merken.

Hinterlässt folgendes Gefühl: unangenehmes Berührtsein

Merke: Die Schmerzfreien darfst du unbedingt in ihre Schranken weisen. Das tust du nicht nur für dich, sondern stellvertretend für alle anderen Mehrlingseltern dieser Welt. Als gute Tat sozusagen. Und überhaupt: Solidarität und so. Bist du höflich, antwortest du: „Das ist mir zu privat.“ Wenn dich der Hafer sticht, kannst du natürlich auch etwas frech werden. Nach wie vor bietet sich der Klassiker an: „Heute schon Stuhlgang gehabt?“ Dann ist eigentlich Ruhe im Karton.

„Ich würde mich erschießen“

Wer sagt es? Männer. Schwangere.

Tonfall: belustigt bis schockiert

Botschaft: Mehrlinge sind etwas, was sich doch ernsthaft keiner freiwillig antut. Höhö. Was für eine Strafe.

Hinterlässt folgendes Gefühl: Wut und Irritation

Merke: auch hier darf man ruhig ein bisschen forsch reagieren. Vor allem, wenn deine Kinder älter sind und schon halbwegs mitbekommen, welcher Stuss da gerade geredet wird. Meist reicht schon ein entsprechend gereizter oder irritierter Gesichtsaudruck und die Nachfrage: „Wie bitte?“ Gut kommt auch: „Können Sie das nochmal sagen, ich glaube, ich habe da etwas falsch verstanden, KANN DAS SEIN??“ Dazu unbedingt der Wachsbirne auffordernd in die Augen schauen. Fortgeschrittene ziehen dabei eine Augenbraue hoch. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand es gewagt hat, den Spruch zu wiederholen. Subtext klar, in der Regel folgt eine Entschuldigung und/oder Erklärung.

„Ist das etwa ein Pärchen? Da haben Sie aber Glück gehabt!“

Wer sagt es? Spießer

Tonfall: freudig

Botschaft: wenn schon Zwillinge, dann gemischt. Alles andere wäre ja eine Zumutung.

Hinterlässt folgendes Gefühl: erst Stolz, dann Beklommenheit. Scheiß Norm-Denken.

Merke: diese Spezies denkt meistens gar nicht darüber nach, was sie da sagt. Es lohnt sich nicht, dieses Gespräch weiterzuführen, daher greift der allgemeine Spruch „Nicken, Lächeln und A******** denken.

„Ach wie praktisch. Alles in einem Abwasch.“

Wer sagt es? Mütter. Mütter. Mütter.

Tonfall: beglückwünschend

Botschaft: Kinder sind ja sehr anstrengend, wie wir von anderen schon erfahren durften (siehe oben) und müssen daher ganz pragmatisch angegangen werden. Schwuppdiwupp, gleich mal zwei zusammen werfen, dann sind sie auch alle zeitgleich aus den Windeln raus und am besten mit 18 aus dem Haus. Dann hat man ja seine Pflicht getan. Weil sich das so gehört. Zwei Kinder und so. Wenn es nur nicht so nervig wär, Kinder zu haben!!

Hinterlässt folgendes Gefühl: Beklommenheit. Und wenn ich noch eins will?

Merke: Wenn du rüde drauf bist, lässt du zwischendurch fallen, dass deine Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist (Auch falls dem so ist, die Gesichtsausdrücke sind so herrlich!) oder du zuhause noch einen Stall voll hast. Sei live dabei, wie deinem Gegenüber die Gesichtszüge entgleisen.

Es gibt übrigens durchaus sehr nette Reaktionen und schöne Gespräche, die ich schon durch meine Zwillinge erleben durfte. Die sind aber leider selten. Ein freundliches Lächeln oder ein nettes Kompliment im Stil von „Sie sehen aber alle sehr glücklich aus“ oder „Toll, einfach toll, sowas zu sehen!“ kommt bei mir und garantiert auch bei anderen Mehrlingseltern bestimmt gut an.

Wer mehr zum Thema lesen möchte, dem kann ich das Bullshitbingo für Zwillingseltern, gefunden bei Anni von Einerschreitimmer wärmstens empfehlen und den schönen Beitrag von Kerstin von Chaoshoch2

 

Nachtrag: Dieser Beitrag kann Spuren von Ironie und Klischeedenken enthalten.

2 Gedanken zu “Für mehr Feingefühl! Heute: die Mehrlingseltern

  1. Frau H aus DA schreibt:

    Habe ein paar wenige Zwillingseltern im Bekanntenkreis und halte mich daher mit Kommentaren lieber zurück – mir reichen ja schon die, die man als „zweimal ein Kind“ Mutter bekommt…
    Mitgefühl jetzt aber dennoch: für die Kommentare.

    (Und immer: Respekt fürs Meistern des Alltags in der Art und Weise, wie ihr das macht – mit Humor und Liebe!)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s