Miteinander leben und bei sich bleiben – Wie wir unseren Alltag organisieren

 

Den Kaffee wieder kalt getrunken, das Essen eher nebenbei reingeschaufelt, Auszeit höchstens mal auf der Toilette möglich (wenn nicht auch da gerade wieder jemand an die Tür klopft und irgendetwas möchte…ja! Der Tweet kommt nicht von ungefähr) und Paarzeit? Allein bei dem Gedanken kann man nur müde lächeln. Sehr müde.

Der Alltag ist vollgestopft, die innere To-Do-Liste wird immer länger und man hat kaum Zeit mal 5 Minuten durchzuatmen. Am Ende des Tages hat man soviel erledigt und trotzdem den Eindruck, nichts geschafft zu haben. Kennst du das? Dann spielen wir im gleichen Team.

Es ist noch nicht lange her, da hatte ich das Gefühl nur noch zu funktionieren. Mein Familienalltag war bestimmt davon, Dinge zu erledigen. Alles musste auf Effizienz ausgelegt sein. Wenn irgendetwas aus den Fugen geriet (durch Krankheit, Verspätungen o.ä.) warf mich das völlig aus der Bahn. Ich hatte ein dünnes Nervenkostüm.

Meinem Mann erging es zeitgleich nicht anders. Ein anstrengender Berufsalltag, nach Hause kommen und sofort präsent sein bis die Kinder im Bett sind, gefolgt von Arbeit am Schreibtisch.

Meine Erschöpfung steigerte sich zunehmend. Es ging so weit, dass mein Mann sagte, er mache sich ernsthafte Sorgen um mich. Ich hatte phasenweise das Gefühl, mein Puls wäre am Anschlag, ich hatte Ohrenpiepen und Verspannungen, ich schlief kaum noch (die Zwillinge wurden ständig zeitversetzt wach) und nahm immer weiter ab, egal wieviel ich aß. Ich glaube wirklich, wenn wir nicht die Notbremse gezogen hätten, wäre ich ein paar Tage später zusammengeklappt. Die Umstellung von einem auf drei Kinder, dieser Alltag als Großfamilie, hatte mich und uns umgehauen. Es war nicht mehr schön. Wir mussten etwas ändern.

Also gingen wir einige Tage noch später ins Bett als üblich, aber sprachen miteinander. Wir redeten über unsere Wünsche und Vorstellungen von Familienleben und machten einen Plan. Wir wollten unseren Alltag nicht einfach nur schaffen. Wir wollten ihn aktiv gestalten und am besten genießen. Wie wir das umsetzen? So:

Konkrete Planung

Jeden Sonntag Abend, wenn die Kinder schlafen, setzen wir uns zusammen. Mit unserem Familienkalender vor der Nase besprechen wir die ganze Woche. Es wird akribisch eingetragen, was an welchem Tag stattfindet, damit nichts verpennt wird. Wir gehen alle Termine, Verabredungen und Erledigungen gemeinsam durch. Von Geburtstagen bis hin zur Notiz, dass die blaue Tonne abgeholt wird, steht alles drin. Er hängt zentral in der Küche, es kann jederzeit Neues eingetragen werden und daneben gibt es Klebezettel für gesonderte Erinnerungen. Es erfordert ganz klar Disziplin, aber nach kurzer Zeit ist man sehr geübt und spürt eine deutliche Erleichterung. Man weiß, was auf einen zukommt und kann sich besser darauf einstellen. Aufgaben können von vorne herein verteilt werden. („Ich komme am Dienstag schon um 16 Uhr heim, dann könnte ich noch zur Apotheke fahren.“) Zack, Entlastung für mich und für meinen Mann liegt die Apotheke auf dem Weg, es macht ihm keine Mühe. Und falls doch, hat er die Möglichkeit, dies vorab zu kommunizieren.

Exklusivzeiten

Elementar für unser entspanntes Miteinander sind die Exklusivzeiten. Auch diese werden bei der Wochenplanung genau besprochen. Praktisch sieht das so aus, dass unser Goldkind einmal in der Woche eine Mama-Exklusivzeit hat, sowie eine Papa-Exklusivzeit. In dieser Zeit unternimmt er mit Mama oder Papa etwas Schönes. Ohne Geschwister, ohne Verpflichtung, ohne Stress. Das muss nicht immer ein aufwendiges Programm sein, das kann auch Spielplatz, Eis essen oder Ball spielen im Park sein. Meistens kündigt das Goldkind an, was es machen möchte. In diesen Stunden genießt der jeweilige Elternteil einfach nur die Zeit mit dem „Großen“ und der andere Elternteil hat dann automatisch „Zwillings-Exklusivzeit“. Das Goldkind genießt das sehr, denn für ihn war die Umstellung vom Einzelkind sein auf gleich zwei Geschwister natürlich auch nicht ohne. Noch sind die Zwillinge sehr klein, aber für uns ist klar, dass wir diese Exklusivzeiten auch dauerhaft mit den Kindern beibehalten wollen. Das wird bei drei Kindern nicht wöchentlich funktionieren, aber doch in sehr regelmäßigen Abständen.

Zusätzlich gibt es die „Papa-Exklusivzeit“ und die „Mama-Exklusivzeit“. Jeder von uns beiden hat einmal in der Woche zwei bis drei Stunden, wo etwas ohne Kinder unternommen wird. Es ist ganz egal was, die einzige Regel lautet: „Tu dir gut!“. Ins Museum oder in die Sauna gehen, mit Freunden treffen, zum Friseur oder einfach nur in ein Cafe setzen und ungestört ein Stück Kuchen essen und ein Buch lesen. Der andere schmeißt den Laden daheim. Eine wöchentliche Auszeit bewirkt Wunder!!

Zusätzlich hat jeder von uns einmal in der Woche eine Sporteinheit. Ich gehe einmal in der Woche zum Yoga, der Herzensmann macht im Wechsel Yoga oder joggt.

Paarzeit

Paarzeit ist hier immernoch sehr knapp, aber wir arbeiten daran. Einmal in der Woche, meistens am Wochenende wird am Abend nicht gearbeitet, nicht ferngesehen, nicht gelesen. Da sind wir dran. Wir sprechen über das, was uns bewegt und konzentrieren uns aufeinander. Es ist verlockend, nach einem harten Tag einfach die Glotze anzumachen und zu versacken. Machen wir auch manchmal (also den Laptop, der Fernseher steht weit weg vom Lebensmittelpunkt Wohnzimmer, dazu vielleicht ein anderes Mal mehr) und muss auch mal sein. Aber mal Hand aufs Herz…wie schnell sind drei, vier Abende um und man hat kaum miteinander gesprochen? Eben.

Zusätzlich haben wir eine ganz tolle Babysitterin bekommen, die Erzieherin ist und mit einer solchen Ruhe und Herzenwärme auf unsere Kinder eingeht, dass wir uns nun ruhigen Gewissens einmal im Monat eine Paarzeit gönnen, in welcher wir etwas unternehmen. Das ist so kostbar!

Miteinander leben heißt miteinander sprechen

Mein Mann weiß genau bescheid, was hier zuhause läuft (Kinderarztbesuche etc.). Nur weil er arbeitet und zu dem Zeitpunkt nicht da ist, heißt es nicht, dass es ihn nichts angeht. Wir sind eine Familie und für uns bedeutet das, dass wir Anteil nehmen. Er weiß, wie unsere zukünftige Erzieherin heißt, welche Zäpfchen wir bei Fieber nehmen und welche Windelgröße die Kinder haben. Sollte selbstverständlich sein? Ja! Ist es aber leider ganz oft nicht. Ich weiß meistens auch, was bei ihm auf der Arbeit los ist (glücklicherweise ist es auch meine Arbeitsstelle). Ich würde es aber auch so handhaben, wenn er einen Beruf ausüben würde, mit dem ich nichts am Hut hätte. Es macht einen großen Teil seines Tages aus, manche Dinge beschäftigen ihn nachhaltig und da ich diesen Menschen liebe, möchte ich wissen, was in ihm vorgeht. Für mich hat das etwas mit Wertschätzung zu tun.

Spontan sein

Meine Freundin fragte mich ganz skeptisch, ob diese Art der Wochenplanung mich nicht einschränken würde, da ich gar nicht mehr spontan sein könne. Guter Einwand, das stimmt natürlich. Aber: mit drei Kindern unter drei Jahren ist man nicht mehr spontan. Zumindest sehr sehr selten. Mir vorzumachen, ich wäre es bei meiner Familienkonstellation, würde mich ja nur unglücklich machen.

Prioritäten setzen

Kinder zu bekommen, ist mit Sicherheit die einschneidendste Veränderung im Leben. Es ist vollkommen klar, dass man die Form von Freiheiten und Spontanität nicht mehr in der Weise leben kann, wie man es gewohnt war. Oftmals möchte man dies ja auch gar nicht, schließlich gewinnen wir durch unsere Kinder unglaublich viel. Mir ist bewusst, dass ich gewisse Abstriche machen muss. Daher ist es gut, sich klar zu machen, auf welche Gewohnheiten man (zumindest für ein paar Jahre) verzichten kann. Es bringt überhaupt nichts, sich ständig vor Augen zu halten, was man eventuell verpassen könnte oder eigentlich dringend mal wieder gemacht werden müsste. Es steigert nur die eigene Unzufriedenheit. Daher stelle ich mir die Fragen:

  • was ist für mich und mein Wohlbefinden so wichtig, dass ich versuchen möchte es beizubehalten? (bei mir ist es Yoga, ich fühle mich körperlich viel besser wenn ich es regelmäßig praktiziere und es lindert meine Verspannungen)
  • was kann ich aufgeben oder aufschieben? Was brauche ich nicht zwingend notwendig, um im Gleichgewicht zu bleiben und zufrieden zu sein? (bei mir ist es das Nähen, es ruht jetzt aufgrund meiner Lebensumstände. Das ist traurig, aber nicht schlimm)

Weitere Leitfragen können (!) sein:

  • welche Aufgaben im Haushalt kann ich abgeben oder schlichtweg liegen lassen? Was muss in Ordnung sein, damit ich mich wohl fühle? (Ich bügele zum Beispiel überhaupt nicht, denn es macht mich wütend und ich empfinde es als echten Zeiträuber. Die Sachen werden ordentlich aufgehängt und fertig. Dafür koche ich fast jeden Tag frisch. Gutes Essen ist in meiner Prioritätenliste ganz weit oben).
  • Was kann ich für mein Selbstwertgefühl tun? In welcher Kleidung fühle ich mich wohl? Wie sehe ich mich gerne im Spiegel an? Ist es wirklich elementar wichtig, noch 3 Kilo abzunehmen oder setze ich mich gerade unnötig unter Stress?
  • welche Art von Mutter/Vater möchte ich sein? Brauche ich meine Arbeit um mich ausgeglichen zu fühlen? Inwieweit lasse ich mich von gesellschaftlichen Konventionen oder meiner eigenen Erziehung leiten?
  • welche Kontakte tun mir wirklich noch gut? Welche vermeintlichen Freundschaften sind mittlerweile überwiegend belastend, kosten übermäßig Energie oder hinterlassen negative Gefühle?

Hilfe annehmen

Ein Punkt, der für mich unendlich schwer war, da ich Perfektionistin bin. Ich dachte lange Zeit, ich müsste alles alleine auf die Reihe bekommen. Haushalt, Kinder, schnell wieder in den Beruf zurück, du kennst diese Liste sicher auch. Ich musste irgendwann einsehen, dass ich nicht alles schaffen kann. Mittlerweile habe ich ein gutes Netzwerk aufgebaut. Ich frage, wenn ich Hilfe brauche oder mir etwas zuviel ist. Spontane Einladung? Gern, aber dann eben nur Kuchen vom Bäcker. Wenn überhaupt! Es wird besser, wenn du abgibst. Lass deinen Partner Dinge erledigen und dann halte dich raus. Er oder sie macht vielleicht vieles anders als du, das heißt aber nicht, dass er oder sie es schlechter macht. Lass dein Kind mal einen Nachmittag bei Oma und Opa, wenn ihr ein gutes Verhältnis habt. Kümmere dich um eine Haushaltshilfe, wenn du es dir irgendwie leisten kannst. Frage Freunde, ob sie dein Kind in den Zoo begleiten….du wirst überrascht sein, wieviele Menschen in deinem Umfeld sich freuen, wenn sie dir helfen können. Wahrscheinlich sind es mehr, als du es dir hättest vorstellen können. Es ist keine Schwäche, um Unterstützung zu bitten. Es ist eine Stärke, achtsam mit sich zu sein und zu wissen, wann man eine Unterstützung braucht. Eine „gute Mutter“ (ich mag diese Bezeichnung nicht!)  ist nicht unbedingt die, die sich ständig aufopfert!

Sich als Familie entwickeln

Jede Familie muss ihren eigenen Rhythmus finden. Das, was für uns gut und richtig ist, kann für eine andere Familie ein völlig verkehrter Weg sein. Unser derzeit guter Weg kann schon in einem Jahr ganz anders aussehen. Dazu ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben. Sprich mit deinem Partner und mit deinen Kindern. Auch sie haben oft konkrete und einfache Vorstellungen davon, wie sich der Alltag für alle erfüllender gestalten kann.

Vielleicht ist ja für dich eine Anregung dabei. Also Flimmerkiste aus, Beine hoch, eine Runde kuscheln.

Herzlichst

Pluripara

3 Gedanken zu “Miteinander leben und bei sich bleiben – Wie wir unseren Alltag organisieren

  1. Lieve schreibt:

    Liebe Pluripara, wow, vielen Dank für den tollen Blogartikel. Ich habe mich/uns so wiedererkannt (vor 6 Mt. unseren zweiten Sohn bekommen); in dem was schwierig ist, in dem was wir schon gut machen und in dem was wir noch verbessern können. Und übrigens auch in dem, dass so wenige über das Schwierige sprechen, hast du recht. Ich versuche extra, wenn ich gefragt werde, ehrlich zu antworten, wie es uns geht („Es ist halt eine stressige Zeit“…). Und ich ernte sehr oft ungläubige und „sich wundernde“ Blicke dafür…ich bekomme immer das Gefühl man müsse als Frau völlig in dem Muttersein aufgehen…darum tun Stimmen wie deine so gut. Also, nochmals Danke, Danke, Danke. Nun gehe ich mit meinem Mann (der mir übrigens deinen Blog geschickt hat) über einen möglichen Wochenplan sprechen. Herzlich, Lieve

    Gefällt 1 Person

    • pluripara schreibt:

      Ganz lieben Dank für deine wertvolle Rückmeldung! Ich freue mich über deinen Kommentar und dass es euch als Paar und Familie weiterbringt. Macht euch einen schönen Abend 💕

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