Fehlende Frustrationstoleranz und wo soll das eigentlich alles noch hinführen?

 

Da ist mal wieder einer dieser Artikel, wo der erhobene Zeigefinger den (Achtung Modewort!) Helikoptereltern unangenehm vor der Nase herumfuchteln soll.

Im politischen Feuilleton des Deutschlandfunk hat sich Astrid von Friesen über die vermeintlich schwache Haltung vieler Eltern, an dieser Stelle werden besonders die Akademiker mit den privilegierten Lebensverhältnissen (ich lasse das mal so stehen) genannt, ihren Kindern gegenüber geäußert.

Da fehlt es an Durchsetzungskraft, die Kinder werden nach Strich und Faden verwöhnt, so als könnten eben diese Eltern es schlichtweg nicht aushalten, ihr Kind nur für einen kurzen Moment frustriert zu erleben. Das eigene Kind soll nur die schönen und angenehmen Seiten des Lebens kennenlernen und was man sät, das erntet man früher oder später:

Nörgelnde, immerzu jammernde und brüllende Tyrannen, von Prinzen und Prinzessinnen ist die Rede, die sich in Selbstmitleid suhlen und kein Durchhaltevermögen mehr haben. Keiner macht mehr freiwillige soziale Dienste, Ausbildungen werden abgebrochen und die Politikverdrossenheit darf auch nicht unerwähnt bleiben.

Lieber Deutschlandfunk, liebe Frau von Friesen.

Ich fühle mich spontan angesprochen.

Ich bin nämlich eine dieser Akademikerinnen, meine Werdegang passt ganz sicher optimal zum Bild der Eltern, das hier entworfen wird.

Ich habe studiert, gearbeitet (und das immer sehr gern), Fort- und Weiterbildungen gemacht und mir sehr gut überlegt, mit wem ich wann ein Kind in die Welt setze. Und da ich obendrein Pädagogin bin, habe ich mir auch vor der Geburt überlegt, wie ich die Erziehung meines Kindes gestalten möchte, gemeinsam mit meinem Partner, der übrigens auch Akademiker ist, au weia.

Dann kam mein erstes Kind auf die Welt. Mit dem Moment der Geburt habe ich plötzlich eine Ahnung gehabt, dass alles, was ich mir theoretisch vorgestellt hatte, ein ganz anderes Kapitel des Buches war. Es war der Theorieteil. Der Praxisteil war das, wovon ich nicht die leiseste Ahnung hatte.

Richtig ist, dass jedes Kind diese Momente voller Frustration und Ärger erlebt. Es schafft etwas nicht allein, es stößt an seine Grenzen und ist unfähig zu erkennen, warum etwas scheitert. Darauf reagiert es mit seiner kompletten Gefühlspalette. Hauen, Schreien, Weinen, Toben.

Und ich komme zu dem Punkt, an dem ich als mittlerweile dreifache Mutter sagen muss: es gibt etwas dazwischen, zwischen Schwarz und Weiß. Weder muss ich autoritär das Kind in seine Schranken verweisen, noch muss ich alles aushalten, was in einem solchen Moment auf mich als Mutter zukommt. Ich kann mein Kind begleiten, seine Wut und Trauer mit ihm aushalten. Ich kann manches nicht ändern, aber ich kann meinem Kind vermitteln, dass es gehalten wird und ich an seiner Seite bleibe.

Ein entmutigter Mensch, der keinerlei Ansporn hat, Ziele zu verfolgen oder sich zu engagieren, wurde mit Sicherheit nicht zu sehr verwöhnt. Viele eher fehlte es ihm an aufmunternden Worten, an Menschen die ihm Mut machten und die an ihn glaubten.

Die Politikverdrossenheit (und sehe ich mir die Shell-Studien der letzten Jahrzehnte an, ist diese sicherlich keine neue Erscheinung) hat sicherlich viele Ursachen wie zum Beispiel mangelnde Bildung (oha!), fehlendes Mitspracherecht im politischen Geschehen und die Gestaltung der Parteiprogramme, die keinerlei Identifikationsflächen für junge Menschen bietet. Aber fehlende Frustrationstoleranz? Verachtung für Politiker, um das eigene Versagen zu kompensieren?

Liebe Frau von Friesen, wie nennen Sie es am Anfang so schön? „Fantasieren wir..“

Fantasieren Sie schön weiter. In meiner Realität gibt es keine Kinder, die „diktatorisch“, „rechthaberisch“ und „cholerisch“ sind. In meiner Realität gibt es Kleinkinder, die freundlich und liebevoll sind, direkt und unmittelbar und auch vehement sein können. In meiner Realität sehe ich so viele reflektierte, bemühte und selbstkritische Eltern, wie nie zuvor. Übrigens sind dies Eltern aller Bildungsschichten, wenn wir schon bei den Schubladen sind.

Mich würde brennend interessieren, was Sie als Expertin denn empfehlen würden zum Umgang mit Frustration bei Kleinkindern.

Aber vielleicht lese ich als Einstieg erst einmal ihr Buch zu den Nachwehen des Feminismus. Ich habe mir sagen lassen, dass ich da sehr viel erfahren kann über uns ständig nörgelnde Frauen und unsere liebsten Opfer: die Männer.

Vielleicht komme ich aber auch gar nicht dazu, weil mindestens eines meiner Kinder mich gerade aggressiv unterbricht und mich mit der Peitsche antreibt, ihm eine Tasse Yogitee „Frischer Geist“ einzuschenken.

Für Sie vielleicht auch ein Schlückchen?

Herzlichst

Pluripara

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